Chup Friemert
im Gespräch mit Susanne Weiß
2. Februar 2017

Susanne Weiß | S W: Wie bist Du zum Bauhausverein gekommen?
Chup Friemert | C F: Auf zwei Arten, sozusagen ›wiedervereinigt‹. Ich weiß das Datum nicht mehr, als Karin und Heinz Hirdina in Hamburg vorbeigekommen sind – sie kamen aus Bremen, waren dort an der Universität. Auf einer Hafenrundfahrt haben sie mich gefragt, ob ich nicht Mitglied im Bauhaus-verein werden möchte.
Vielleicht zwei Wochen später, Mitte Juli sprach mich mein Kollege von der HfbK – Jos Weber – an, der die Gropius-Professur an der HAB Weimar innehatte und sehr viel am Bauhaus in Dessau organisiert hat. Er kam auf mich zu und sagte, wir beide mussten mal nach Lüneburg fahren, zu einem Herrn Dr. Siegfried wegen des Bauhauses in Dessau. Wir fuhren Ende August zu Herrn Dr. Siegfried, der übrigens bald auch Mitglied im Verein wurde und dann, nachdem die Stiftung Bauhaus gegründet war, wieder austrat. Er war gebürtiger Dessauer, pensionierter Richter und ein schwärmerischer Geist, wenn es ums Bauhaus ging.
S W: Was hattest Du denn mit den Leuten ums Bauhaus Dessau herum vorher zu tun?
C F: Bauhaus – damit bin ich fast gestraft. Nachdem ich meine Grundlehre an der Stuttgarter Akademie bei dem Bauhäusler Hannes Neuner hinter mich gebracht und Walter Gropius kurz vor seinem Tod 1969 in Stuttgart anlässlich der Bauhaus-Ausstellung erlebt hatte und mich mit Designgeschichte beschäftigte – wie sollte ich da am Bauhaus vorbeikommen?
Dann hatte ich Verbindungen zur DDR-Design-Zeitschrift form+zweck und Bernd Grönwald richtete an der HAB Weimar die Bauhaus-Kolloquien ein. Da war ich ein paar Mal zum Vortrag eingeladen in den 1980er Jahren.
Insofern war ich mit einigen Personen, die in der DDR sich um das Bauhaus-Erbe kümmerten, verbandelt. Ich bin also in den Verein eingetreten auf einer Versammlung, die in einem Raum in der Humboldt-Universität in Berlin tagte. Da erfuhr ich: Dem Verein ist das Bauhaus Dessau übertragen worden – einschließlich der Gebäude plus einem Wohnheim, dem Personal und dem Haushalt. Das sollte nun vom Verein bewerkstelligt werden. Als erstes kam es darauf an, die Immobilie vom Verein zu trennen, sprich sie loszuwerden.
S W: Das geht jetzt erst einmal zu schnell. Wie kann es sein, dass sich ein Verein gründet und der dann das Bauhaus übertragen bekommt, von wem überhaupt?
C F: Für die formellen Details muss man Karl-Heinz Burmeister fragen. Ich weiß soviel: In der DDR wurde das Bauhaus Dessau vom Bauministerium und vom Amt für industrielle Formgestaltung betrieben. Und 1990 war ja noch nicht klar, dass die DDR als »neue Bundesländer« an die Bundesrepublik angeschlossen werden würde. Es gab ja durchaus andere Vorstellungen. Klar war nur, dass das Bauministerium am Bauhaus nicht mehr würde so weiter machen können wie zuvor. Ich weiß nicht, wie sich diejenigen, die sich in der DDR für das Bauhaus interessiert haben, ins Bild gerückt haben und das Bauministerium darauf brachten, einen Kreis zu bilden und einen Verein zu gründen und dem das Betreiben des Bauhauses zu übertragen. Wie das im Einzelnen aussehen sollte, war nicht klar. Das ist einfach eine Erfindung aus der Wendezeit. Es war ja toll, es schien vieles möglich, denn es war nicht klar, dass sich im Oktober 1990 nach dem Einheitsvertrag die DDR auflösen und alles mit Mann und Maus in der Bundesrepublik aufgehen würde.
S W: Da muss es doch etwas Schriftliches geben.
C F: Ja, in irgendwelchen Tresoren oder Papierlagern. Das Bauministerium ist aufgelöst worden, die Bauakademie ist aufgelöst worden, die Vereinsakten im Bauhaus Dessau sind weg. Was weiß ich, wo die Akten sind oder wer welche vernichtet hat. Das Einzige, was der Verein hatte, war so eine Art Übertragungsdokument, nach dem ihm das Bauhaus eignet und er wäre vermutlich – schreckliche Vorstellung! – Eigentümer geworden, wenn ein Ministerratsbeschluss herbeigeführt worden wäre. Es war nur ein Ministerbeschluss, deshalb war die Übertragung nicht vollständig. Zwar hat niemand gesagt, der Verein habe mit dem Bauhaus nichts zu tun, aber es hat auch keiner gesagt, er sei nun vollgültiger Eigentümer. Der Verein hat dann das Bauhaus eine ganze Zeit lang betrieben, einige Mitarbeiter waren anfangs auch Mitglieder, das Wohnheim ist irgendwie der Stadt übertragen worden.
S W: Woher kam das Geld?
C F: Der im Plan des Bauministeriums vorgesehene Etat für 1990 wurde zur Verfügung gestellt, mit dem betrieb der Verein das Bauhaus. Wer genau das Geld wie verwaltet hat, wer die Anweisungen unterschrieben hat, weiß ich nicht. Ich vermute, es haben die Leute in der Rechnungsabteilung gemacht, die es ja am Bauhaus vorher auch schon gab.
S W: Wem gehört das Bauhaus jetzt?
C F: Der Stiftung Bauhaus Dessau aus Bund, Land und Stadt. Dass das Bauhaus in eine Stiftung überführt werden muss und der Verein es nicht auf Dauer betreiben könne, das war jedem klar! Es ging um Grundstücke, Personal, Gegenstände, Geld und ums Programm. Es war klar, dass die Vereinsmitglieder niemals das Geld zusammengekriegt hätten, um das Bauhaus zu betreiben, nicht einmal, wenn wir unsere Sparkonten geplündert hätten. Deshalb musste es in eine Stiftung eingebracht werden.
S W: Dann wurde der Verein eher so etwas wie ein Expertengremium.
C F: Ja, schon. Das Bauhaus hatte einen amtierenden Direktor, Prof. Dr. Rolf Kuhn. Er war zwar Mitglied des Vereins, aber auch plötzlich Angestellter des Vereins. Der Verein sollte das Bauhaus bespielen – und sofort brechen Konflikte aus: Weil der Bauhausdirektor, der im Amt war, sein Programm hatte, und im Verein waren Experten aus der DDR, die immer wieder versucht hatten, am Bauhaus zum Zuge zu kommen. Sie wollten etwas Neues machen, nicht die ihnen langweilig erscheinende ›DDR-Bespielung‹ des Bauhauses weiterführen. Sie hatten ihr Programm, es sollte etwas ganz Neues, etwas Internationales entstehen.
S W: Eine Art feindlicher Übernahme des existierenden Bauhauses.
C F: So mochte es zunächst dem Direktor erscheinen. Deshalb ist er auch bald aus dem Verein wieder ausgetreten. Beim ersten Treffen 1990 im Bauministerium, in dem die Gruppe für den möglichen Verein zusammenkam, war er dabei. Es war sicher nicht geplant, etwas gegen ihn persönlich zu unternehmen. Aber es gab immer mehr Leute, die ihr Interesse am Bauhaus zeigten und die sicherlich phantasievoller als das Bauministerium waren in der Frage, was mit dem kulturellen Kapital hätte angefangen werden können oder sollen.
S W: Ist das in Weimar denn ähnlich gelaufen – oder anders, weil da eine Hochschule war und eine gewisse Kontinuität gegeben war?
C F: Die Weimarer hatten Anfang der 1970er Jahre angefangen, an der Bauhochschule wissenschaftlich zum Bauhaus zu forschen. Es gab dann die Bauhaus-Kolloquien, die regelmäßig mit internationaler Beteiligung stattfanden. Ich durfte dreimal teilnehmen und Vorträge halten.
Es war auch ein Forum für die Bauhäusler, die noch lebten, um aufzutreten. Einige habe ich kennengelernt, im Haus am Horn bei Grönwalds.
Es war eine internationale Debatte um die Frage, was Bauwesen und Architektur ist, kann und soll. Aber es ging auch um die Frage des Erbes. In den 1950er Jahren gab es in der DDR ja das Diktum, das Bauhaus sei kosmopolitisch, bürgerlich, amerikanisch und seine Auffassungen seien nicht brauchbar, um die Gestaltung des Alltags und der Architektur in der DDR zu befördern. Das war die staatsoffizielle Angelegenheit.
Im Westen ist das ja anders gelaufen, das war das Bauhaus sehr früh der Bezugspunkt, der nach zwölf Jahren
›Dunkelheit‹ wieder Licht brachte, weil es modern war. Unmittelbar nach 1945 haben ja ehemalige Bauhäusler wie Hubert Hoffmann und Selman Selmanagić in der Sowjetischen Besatzungszone und anfangs in der DDR versucht, in Schulen und Ausbildungsstätten solche Lehrprogramme einzuführen, wie sie am Bauhaus entwickelt und praktiziert wurden. Zunächst gab es also im Osten und Westen gleichlaufende Bewegungen, die dann im Osten abgebrochen wurden durch die Formulierung der nationalen Tradition und anderen Prinzipien, die nicht international oder sachlich ausgerichtet waren.
S W: Das kann man ja in Dessau selbst sehen an dem, was da nach dem Krieg gebaut worden ist. Aber man kann auch sehen, dass das nur ein paar Jahre waren, wo man nicht modern gebaut hat. Da gibt es ja in Dessau einen schönen Komplex, gar nicht weit vom Bauhaus entfernt. Dann wurde es ja mit der Platte modern. Die ist doch eigentlich Bauhaustradition. (Lacht)
C F: (Lacht) Darüber könnte man jetzt lange streiten oder es auch lassen. Jedenfalls gibt es eine, nennen wir sie einmal ingenieurtechnische Moderne, die zwei Fragen vergessen hat: Gibt es nur eine Platte und gibt es nur die Platte, dass so etwas vorkommt wie beispielsweise bei unserem Freund Le Corbusier in seinem System »Domino« mit Ebenen, in denen dann ›herumgefuhrwerkt‹ werden kann – und so Fassade und Raum frei entstehen und nicht dadurch, dass die Außenwand fixiert ist und immer gleich aussieht? Darüber hätte schon nachgedacht werden können! Das sind aber Exkurse, denen wir hier nicht weiter folgen wollen.
S W: Ich frage nochmals nach: In Weimar hatte man irgendwie einen kontinuierlichen Betrieb durch die Hochschule, in Dessau gab es einen Bauhausdirektor.
C F: Also: In Weimar gab es die Hochschule, das Haus am Horn, von Grönwalds hergerichtet und von ihnen bewohnt und als Museum hergerichtet. Und in Dessau stand das Bauhausgebäude. Jeder weiß, dass mit solchem kulturellem Kapital operiert werden muss. Bernd Grönwald hat dort gewissermaßen Rolf Kuhn aus Weimar installiert.
Das Bauhaus strahlte von sich aus nach außen, es ist als Gebäude ja eine Ikone der Architekturgeschichte. Das interessierte vielleicht die Regierung, um in der Welt zu punkten. Viele aber, die am Bauhaus wirkten, wollten nach innen wirken, in die und in der DDR. Da sind vermutlich immer wieder Konflikte aufgebrochen, wenn die Politiker nach außen und die Fachleute nach innen schauen.
S W: Die Veranstaltungen und Seminare – war das gewissermaßen der Anfang der Wiederbelebung des Bauhauses als Institution?
C F: Ja und nein. Keiner wollte das alte Bauhaus wiederbeleben als Schuleinrichtung, es war eher eine Art Fortbildungseinrichtung …
S W: …und von dieser war Rolf Kuhn der Direktor. Nur um es zu verstehen: Da gab es also ein Briefpapier, Bauhaus Dessau, Direktor Prof. Dr. Rolf Kuhn und so weiter. Und das hatte es Jahrzehnte in der DDR nicht gegeben, da stand das Haus da und man hat darin eine Berufsschule und was weiß ich untergebracht. Und dann aber wurde es 1976 neu eröffnet.
C F: Ja, da hat das Bauministerium oder was weiß ich wer ein paar Millionen bereitgestellt, um das Gebäude zu sanieren. Aber jetzt reden wir wieder nicht über den Verein.
S W: Nein, aber diese Vorgeschichte muss man doch wissen. Wäre das in Dessau so gewesen wie in Weimar, dann hätte es ja gar nicht sein können, dass da so ein Verein daherkommt und plötzlich für ›Bauhaus‹ zuständig sein soll. Für mich ist das seltsam, dass einerseits ein Direktor da ist und dann eine Gruppe kommt und sagt, wir sind jetzt der Chef.
C F: Ja, aber Rolf Kuhn war Mitglied und Mitbegründer des Vereins. Dann gab es wohl zwischen dem Direktor und dem Geschäftsführer heftige Auseinandersetzungen, weil der Direktor nur seine eigene Strategie und sein eigenes Programm verfolgte und nicht das des Vereins. Da kündigte der Geschäftsführer dem Direktor, der trat aus dem Verein aus, bezog weiterhin sein Gehalt und der Verein war mehr oder weniger kalt gestellt. Den genauen Ablauf der Auseinandersetzung kenne ich nicht. Und ich weiß auch nicht, welche Rolle die Beamten in und aus Bonn gespielt haben. Ich weiß nicht, welchen Arbeitsvertrag er hatte. Jedenfalls hat er dann mit dem Bonner Ministerium die Gründung der Stiftung vorbereitet und in dem Zusammenhang sein Arbeitsprogramm entworfen, dem er gefolgt ist. Manches von dem, was ich über die Verhältnisse sage, ist nicht mein Wissen, ich war nicht direkt an all dem beteiligt, ich lebte und arbeitete ja in Hamburg. Vieles wurde mir erzählt. Aber das ist typisch für Übergangssituationen, früher nannte man das Doppelherrschaft.
S W: Also, der Verein konnte den Direktor nicht absetzen und ihm auch nicht vorschreiben, was er machen soll – der also machte, was er wollte. Da kommen wir doch schon ans Ende der Bedeutung des Bauhaus Dessau e.V.
C F: Ich muss nochmals zurückkommen auf Dr. Siegfried, der von Lüneburg nach Dessau gezogen war, als stellvertretender Bürgermeister und Rechtsanwalt tätig wurde. Er hatte sehr schnell gute Kontakte zu Regierungsstellen in Magdeburg. Und er hat sich sehr darum gekümmert, dass dem Verein die materielle Last des Bauhauses abgenommen wurde.
Es gab also eine Doppelherrschaft: Einen, aus der DDR
›herübergewachsenen‹ Direktor mit einem Programm und dem kompletten Haus und seinem Horizont. Parallel dazu – vielleicht nur zwei Jahre, vielleicht auch nur ein Jahr, weil relativ bald alles faktisch, wenn auch noch nicht juristisch entschieden war –, operierte eine zweite Gruppierung, die einige Workshops und internationale Konferenzen angestoßen hat unter der Frage: Die Moderne denken. Das war mein Part, ich habe da von 1990 bis 1992 einiges organisiert. Das sollte helfen, einen neuen Horizont für eine programmatisch fundierte Arbeit am Bauhaus zu erarbeiten.
S W: Welche Resonanz hatte das denn?
C F: Wenig. Es war eher eine Arbeitsgruppe von etwa 20 Leuten, die sich beraten haben. Es ging nicht um eine große Öffentlichkeit. Um das zu verstehen, muss man sich die Varianten, die es um 1990 politisch zu geben schien, vor Augen halten: Die eine politische Richtung, der alles entgegengebracht wurde, handelte nach der Maxime: Jetzt wird alles so gemacht wie im Westen. Die andere, die man als Spinner, Träumer oder sonst wie angucken kann, hielt es noch für denkbar und möglich, sich einen Raum zu verschaffen oder zu erzwingen, in dem man freier arbeiten kann. Zwar hatten die Beteiligten durchaus unterschiedliche Vorstellungen, wie und was denn sein sollte, aber alle gingen davon aus, dass weniger eingeengte Formen möglich wären. Und nachdem die institutionellen Zwänge entfallen waren, denen alle Beteiligten in der DDR unterlagen, traten alle als Subjekte auf. Dann zeigten sich individuelle Interessen, und Auseinandersetzungen wurden nicht mehr so vorsichtig geführt.
S W: Erstaunlich ist doch, dass die Ossis und die Wessis sich da einig waren, dass sie etwas Gemeinsames erarbeiten wollten, das hat es doch fast an keiner anderen Stelle gegeben, dass man nicht gegeneinander irgendetwas ausgekämpft hat, sondern von vornherein gesagt hat, tun wir uns mal zusammen und gucken, was geht. Aber bei der Stiftungsgründung hat er keine Rolle gespielt.
C F: Nein. Alle Versuche des Vereins, bei der Formulierung der Stiftungssatzung oder der Stiftungsaufgaben mitzuwirken, sind abgeschmettert worden. Der Verein war nicht beteiligt, der Verein war ausgeschlossen, keines seiner Mitglieder wurde in den Beirat berufen. Das hat viele sehr gekränkt, hatten sie doch viel Zeit und Ideen und Herzblut an das Bauhaus Dessau gehängt und auch immer wieder versucht, Vorschläge zur inhaltlichen Arbeit zu machen.
S W: Aber was musste der Verein abgeben, als die Stiftung gegründet wurde? Das Recht, über die Arbeit am Bauhaus zu beschließen?
C F: Ja, vielleicht so ähnlich. Der Verein verlor als erstes seine Adresse, hatte kein Zimmer mehr, keinen Briefkasten. Das kann man ja verstehen. Im Verein gab es aber die Überlegung: Gut, man hat eine Stiftung vor der Nase, aber gerade diese wäre doch gut beraten, sich einen Verein zu halten, der vielleicht manches machen kann, was eine Institution, die von staatlichen Geldern unterhalten ist, nicht machen kann. Das würde eine Zusammenarbeit voraussetzen.
Jahrelang versuchten wir, ein freundliches Verhältnis zum Bauhaus zustande zu kriegen. Mit Rolf Kuhn war das nicht mehr möglich, mit dem Nachfolger wäre es wahrscheinlich gelungen, aber es gab nicht grade große Initiativen seitens des Vereins. Auch ich habe mich da nicht mehr sehr engagiert, ich war viel unterwegs in Kuba und in China und hatte meine Arbeit an der Hochschule in Hamburg. Und die anderen Mitglieder waren auch vollauf beschäftigt.
Es gab also keine zündenden Ideen, was der Verein denn für das Bauhaus tun könnte und umgekehrt auch nicht. Omar Akbar kannte den Verein nicht, also hat er auch nicht angefragt. Dann hat der Verein 1993 einen Preis ausgelobt für die Fachhochschule Anhalt, den Carl-Fieger-Preis für Studierende der Architektur und des Design. Und er hat noch einige Publikationen bezuschusst. Wir fragten uns, ob das denn die einzigen Zwecke des Vereins sind.
Dann kam unerwartet ein Versuch der ›feindlichen Übernahme‹. Plötzlich traten acht oder neun Personen ein, alle aus dem Umkreis und dem Büro eines Professors und Architekten der Fachhochschule. Das Wort Bauhaus Dessau e.V. hatte sie wohl fasziniert, und wenn man Vorsitzender desselben auf seine Visitenkarte schreiben kann, dann kann das in bestimmten Teilen der Welt ein kulturelles Kapital bedeuten. Ich weiß es nicht. Sicher weiß ich, dass von den neuen Mitgliedern keine neuen Gedanken und kein einziger Projektvorschlag gekommen ist.
S W: Wie seid ihr denn die wieder los geworden?
C F: Sie haben sich eigentlich durch zermürbende Langeweile selbst erledigt, es ist ihnen ja nichts eingefallen. Ihr Beitritt hat höchstens für einen der Beigetretenen etwas eingebracht. Für die anderen: Keine Einladung zu großen Festen, zu Ausstellungseröffnungen. Nur immer wieder zu einer Diskussionsrunde. Das ermüdete sie doch eher. Ich war vielleicht fünf Jahre nicht auf den Vereinsversammlungen, weil ich wieder viel im Ausland war. Dann bin ich aber wieder hingefahren, und die alten Mitglieder hofften, mir würde wieder etwas einfallen. Ist mir aber nicht. Ich hatte vor der feindlichen Übernahme schon mal im Verein gesagt, dass ich ihn für obsolet halte und ich nur nicht weiß, wie er auf großartige und produktive Weise aufgelöst werden könnte. Ich trat dann aber wieder in den Vorstand ein und gewann neue Mitglieder. Währenddessen traten von jenen Eingetretenen wieder welche aus. Dann kam es zu einer Vorstandswahl, bei der zum ersten Mal fünf Kandidaten für vier Posten zu Wahl standen, eine Frau und vier Männer. Es war klar, welche Männer gewählt werden würden, da verzichtete ein Gentleman auf eine Kampfkandidatur gegen die Frau. Da die Arbeiten für den Carl-Fieger-Preis wurden immer schwächer wurden und es nervte, sie auszuzeichnen, und die Kollegen der Fachhochschule keine Lust hatten, unkompliziert und selbstverständlich bei der Dokumentation der Preise mitzuwirken, beschloss der Verein, den Preis nicht länger auszuloben. Daraufhin trat der Anführer der feindlichen Übernahme freiwillig aus.
S W: Man kann also sagen: Der Verein hat sich seit seinem Bestehen, also seit 1990, mindestens einmal im Jahr versammelt, um zu überlegen, was weiter passiert und was er unterstützen könnte. Das ist ja schon was! Ich glaube aber, dass der Verein auch deshalb so lange besteht, weil die Mitglieder sich untereinander mögen und sich freuen, wenn sie sich wenigstens einmal im Jahr sehen.
Prof. Dr. Chup Friemert (*1947), Designer, Designtheoretiker, Publizist und Hochschullehrer, seit 1990 Mitglied und derzeit amtierender Geschäftsführer des bauhaus dessau e.v.
Dr. Susanne Weiß, Kunsthistorikerin, ehemals Mitglied des bauhaus dessau e.v.