Rolf Kuhn
im Gespräch mit Chup Friemert
17. November 2015

Chup Friemert | C F: Ich habe gelesen, dass unser gemeinsamer Freund Bernd Grönwald Sie gefragt hat, ob Sie sich vorstellen könnten, in einer Institution am Bauhaus in Dessau, die da vielleicht eingerichtet würde, zu arbeiten. Das Gebäude war ja zum 60. Jahrestag der Gründung des Bauhauses soweit rekonstruiert, dass es für mehr als die verschiedenen Schulen, die darin beheimatet waren, benutzt werden konnte.
Rolf Kuhn | R K: Ja, es waren verschiedene Schulen in dem Gebäude untergebracht und es war auch schon ein Lehrgangsgebäude. Ich hatte aber immer das Gefühl, dass das ein Haus ohne Seele ist, eine Hülle, die benutzt wird, das aber von sich aus nichts Intellektuelles oder Gedankliches oder irgendwelche Wertvorstellungen repräsentiert.
C F: Es war ein Ort, an dem drei verschiedene Institutionen spielten: das Bauministerium, das am meisten Geld einbrachte, das Amt für industrielle Formgestaltung und dann auch noch der Künstlerbund.
R K: Ja, wobei die in Dessau ein eigenes Haus hatten. Das Kulturministerium der DDR hatte durchaus ein Interesse an diesem Haus und auch Hochschulen, wie die Burg Giebichenstein. Ich kann mich erinnern, die haben mal eine ganz tolle Modenschau gemacht, das hat richtig gut in das Haus gepasst und auch die Kunsthochschule Weißensee hat manchmal Veranstaltungen gemacht und natürlich die Hochschule in Weimar. Dann gab es das Hannes-Meyer-Seminar, das Bernd Grönwald betrieben hat, und dann waren ein paar Leute dort, die die Ergebnisse des Seminars weiter bearbeitet haben. Aber es waren eben immer Initiativen oder Nutzungen von anderen. Es gab auch ganz langweilige Sachen wie zum Beispiel Lehrgänge für Oberbauleiter, die das Bauministerium organisiert hat. Und es war auch noch eine Bauberufsschule drin.
C F: Da scheint es um den 60. Jahrestag der Eröffnung des Bauhauses in Dessau herum, eher schon seit Anfang der siebziger Jahre, eine Gruppe gegeben zu haben, die sich um das Bauhauserbe bemühte.
R K: Ich denke, es war einfach politisch und kulturell reif, dass man sich mit dem Bauhaus anders auseinandersetzte als in der Zeit vorher. Ich habe das auch gemerkt; ich war ja stadtsoziologisch unterwegs und habe mich damit beschäftigt. Ende der 1960er Jahre war es bei den Soziologen auch so. Da waren die Tschechoslowaken diejenigen, die sich der Soziologie zugewendet haben, sie nicht mehr als bürgerlich verteufelt, sondern sie in die sozialistische Gesellschaft integriert haben. Das war dieses ‚Tauwetter‘ Ende der 1960er Jahre. Und das war mit dem Bauhaus auch so. Man hat in Dessau in den 1960er Jahren eine kleine Ausstellung gemacht. Und dann hat man gesagt, das Wichtigste, was das Bauhaus in der Region hervorgebracht hat, war das Gebäude selber und wenn wir es jetzt wieder ernst nehmen als Teil unserer Kultur und nicht mehr einer anderen, einer bürgerlichen oder amerikanischen, wie das vorher hieß, dann müssen wir es auch wieder herstellen. Es war ja durch eine Brandbombe im Krieg zerstört worden, und die ganzen Stahlkonstruktionen hatten sich so verformt, dass die Glasfassade des Werkstattflügels total zerstört war. Das wurde erst notdürftig zugemauert und dann in den 1960er Jahren hat man eine Fensterreihung eingebaut. Dann gab es die Entscheidung, und die ist umgesetzt worden, dass zum 60. Geburtstag das Bauhausgebäude in der Ansicht und in der inneren Struktur wieder so hat, wie es in den 1920er Jahren eröffnet wurde. Natürlich hatte die DDR einige Probleme mit dem Material und den Arbeitskräften, so dass das nicht hundertprozentig richtig war. Es war zum Teil Aluminium statt Stahl, aber es war im Großen und Ganzen durchaus eine anständige Rekonstruktion, die dem Original sehr nahe kam.
C F: Als Sie dann anfingen, haben Sie – wie Sie in Ihren Erinnerungen schreiben – eine Antrittsrede gehalten. Kann man die nachlesen? Haben Sie die noch?
R K: Ich habe sie nicht, vielleicht liegt sie im Archiv am Bauhaus. Aber ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich sie aufgeschrieben habe. Und da Bernd Grönwald sich viel besser auskannte und die ganzen Initiativen für das Bauhaus mit getragen hat, war es mein Wunsch, dass er sich diese Rede mal durchliest, damit ich da nicht irgendwo ins Messer laufe oder neben der Spur liege. Und er hat das auch gemacht, wie er mir oft dann später auch geholfen hat. Und er hat mir dann gesagt, dass es ein guter zweiter Teil sei, dass ich aber noch einen ersten Teil schreiben müsse. Er hatte die politische Erfahrung und wusste, dass da ja auch wichtige Leute vom Bauministerium dabei sind und wie die so reagieren. Und dann habe ich halt so den üblichen ersten Teil, wo man sich vor Staat und Regierung verneigt und dem Sozialismus huldigt, dazu geschrieben und dann gesagt, was ich am Bauhaus machen will.
C F: Nun gab es aber sicher Ansprüche an diese Institution. Und auch immer Reibereien. Es scheint, als ob Sie es mit dem Amt für industrielle Formgebung besonders schwer hatten. Das mag an Personen gelegen haben oder an fachlich unterschiedenen Interessen.
R K: Das Bauministerium hat das Geld gegeben und war auch diejenige Institution, der ich rechenschaftspflichtig war. Aber es war für Bernd Grönwald von Anfang an gar nicht so einfach, mich dem Bauministerium vorzustellen. Er wusste ja, welche Typen die gerne mochten. Er hat es eingefädelt, dass ich vom Bauministerium eingestellt wurde. Er hat denen erzählt, ja, ich hab da jemanden in Weimar und der sieht aus wie der junge Marx. Er hätte ja auch sagen können, der sieht ein bisschen wild aus, der hat einen großen Bart und eine Mähne. Aber mit seinem Geschick hat er auf den jungen Marx verwiesen. Dagegen konnten sie nichts sagen. In dieser DDR-Zeit kam mal jemand von der Süddeutschen Zeitung und machte ein Interview mit mir und da stand drin, dass der Kuhn gar nicht aussieht wie ein Funktionär aus dem Osten, sondern vielmehr wie ein ’68er von uns. Das kam nicht so gut an.
C F: Das ist ein schöner Beweis für die Klugheit von Bernd Grönwald und für die Dummheit der Süddeutschen Zeitung.
R K: Weder sind die aus dem Bauministerium mit mir richtig warm geworden, noch ich mit denen. Dann kam die Zeit, wo Michael Bräuer im Bauministerium für das Bauhaus zuständig war. Das war eine ideale Zeit, die hätte ich mir früher gewünscht und auch gerne länger.
Dann kam die Frage: Was nun, wenn das Bauministerium weg ist? Da erschien uns der eingetragene Verein als die einfache Lösung. Da sind dann auch die Konflikte ausgebrochen. Das war aber nicht mehr das Amt für industrielle Formgestaltung, sondern es waren Personen, die diesem nahestanden oder von ihm angestellt waren. Es waren sehr angesehene Leute, vor denen ich einen hohen Respekt hatte, also die Hirdinas aus Berlin und auf der anderen Seite Karl-Heinz Burmeister, der vom Amt für industrielle Formgestaltung abgeordnet war, im Bauhaus mit dafür zu sorgen, dass eine neue Entwicklung eingeleitet wird. Er war kein Mitarbeiter des Bauhauses. Verschiedene Ministerien waren in einem Kuratorium vereint, das Bauministerium an der Spitze, das Kulturministerium zum Glück, deren Vertreter ein kulturelles Verständnis hatten, und auch das Amt für industrielle Formgestaltung hatte mehr kulturelles Verständnis für uns als das Bauministerium. Es war mir ganz angenehm. Als aber die DDR-Strukturen keine Rolle mehr spielten, versuchten die Leute, die vom Amt für industrielle Formgestaltung kamen und die eine sehr genaue Vorstellung davon hatten, was nun mit dem Bauhaus geschehen soll. Diese Vorstellung war für mich finanziell und strukturell abenteuerlich. Von Mäzenen sollte das Geld kommen. Das war für mich mehr als abenteuerlich.
Das Zweite war, dass man ideologisch eine nicht mal unsympathische Vorstellung hatte, dass man nichts mit dem Staat zu tun haben wollte, sondern ganz bewusst mit dem Bauhaus eine Institution entwickeln wollte, die gegen das, was sich staatliche Einrichtungen wünschen, arbeiten könnte. Und man konnte sich wahrscheinlich in der kleinen Gruppe nur vorstellen, dass das nur funktioniert, wenn man nicht vom Staat finanziell abhängig wäre. Und wir als kleine Gruppe mit ganz bestimmten Vorstellungen von Design, von Wirtschaft, von Gestaltung in Architektur und Städtebau suchen uns weltweit Leute aus, die holen wir ans Bauhaus und die entwickeln dann Ideen, die völlig unabhängig sind.
Ich fand das unrealistisch und idealistisch. Meine Angst war, dass das schnell scheitert und man dann bei Null landet. Und da kam ein Glücksumstand, dass Dr. Heinrich Schlüter, dem ich bis heute zu Dank verpflichtet bin, ein Referatsleiter im Bundesbauministerium, mir eine Nachricht hat zukommen lassen, ich solle doch mal mit ihm Kontakt aufnehmen, damit wir uns überlegen, wie es mit dem Bauhaus weiter geht. Und das war für mich der entscheidende Anker. In Weimar hatte das Bauhaus vom Land Thüringen und in Dessau von der Stadt Geld erhalten, arbeiteten also mit staatlicher Unterstützung. Vom Verkauf ihrer Tapeten hätten sie auch nicht überleben können. Es war dann schon der richtige Weg, dass wir uns um staatliche Unterstützung bemüht haben.
C F: Dass der Verein, dem das Gebäude und der Wohnturm, der ja nichts mit dem Bauhausgebäude und der traditionellen Institution zu tun hat, gehörte, dies alles niemals würde betreiben können, war jedem klar. Mit Dr. Siegfried und mit meinem Kollegen Professor Jos Weber habe ich Anfang 1990 viel übers Bauhaus und die Frage, wie denn diese Einrichtung institutionell verfasst sein sollte, gesprochen. Wir waren der Meinung, es müsse eine Stiftung werden. Soweit, so gut.
Nun kommt aber das Problem: Im Kuratorium, also in der Versammlung, in der alle Entscheidungen, besonders aber die zur Person des Direktors getroffen werden, ausschließlich Beamte sitzen oder Politiker. Keine Fachleute. Und der Beirat, der fachlich sehr kompetent international zusammen gesetzt ist, hat im Zweifelsfall nichts zu sagen. Eine solche Stiftung ist die Auslieferung des Bauhauses an die Verwaltung und die Politik. Gut geht das nie. Wir haben ja auch am historischen Bauhaus gesehen, dass die Abhängigkeit von Politik und Staat seine Achillesferse war. Und das hat sich in der Stiftungskonstruktion wiederholt. Die Struktur, die zunächst als Sicherung erscheint, dreht sich dann doch plötzlich, zeigt mindestens ein anderes Gesicht. Nicht fachlich fundierte, sondern politisch interessierte Absichten werden dann durchgesetzt. Wie schätzen Sie das ein?
R K: Es ist nicht unüblich, dass die, die das Geld geben, aus politischen Ebenen kommen. Ich habe gelernt, dass es sehr klug ist, eine Konstruktion zu wählen, die auch den Fachleuten eine Mitsprache gibt.
C F: Sagen wir es doch deutlicher: Macht sollten sie haben.
R K: Ich dachte, dass wir die gehabt hätten. Die Zeiten waren immer gut, wenn man weiter war, als die politischen Ebenen. Als wir loslegten mit der Stiftungsfrage 1990, da war das Land Sachsen-Anhalt noch gar nicht gegründet. Die haben immer mitgemacht, was ich in Bonn besprochen hatte. Da gab es einen sehr klugen Abteilungsleiter, Herr von Köttritz, der hatte mit solchen Stiftungen Erfahrung. Ich hatte keine, wusste nur, was wir inhaltlich wollten und wusste nur, dass ich einen internationalen wissenschaftlichen Beirat brauche. Solange ich dort war, sind alle Vorschläge dieses Beirats beschlossen worden. Es war einmal knapp, weil der Oberbürgermeister mich nicht noch eine weitere Amtszeit wollte, weil ich mich mit ihm über das Gasviertel, wo heute das Bundesumweltministerium steht, gestritten habe und einen Stadtratsbeschluss für ein Kaufland, das dort gebaut werden sollte, zum Kippen gebracht hatte. Da der Beirat aber nach Anhörungen mich vorschlug und sich zu 100 Prozent für mich eingesetzt hat, ist sein Einspruch abgewendet worden. Letztendlich hat der Stiftungsrat die Macht, sich über den Beirat hinwegzusetzen. Solange das einigermaßen funktioniert, war das eine gute Konstruktion. Aber wenn es hart auf hart kommt, ist es tatsächlich das politische Gremium, das die Entscheidung trifft. Aber ob das jetzt sinnvoll wäre, Beirat und Kuratorium zu vermischen, weiß ich auch nicht. Eine Mehrheit für die Fachleute hätten die Politiker nie zugelassen.
C F: Das kann sein. Die Politiker setzen sich lieber in die Position, dass man sie überzeugen muss, als in jene, in der sie überzeugen müssen. Das Primat der Politik hatten Sie ja schon in der DDR gekannt.
R K: Damit musste man leben und arbeiten lernen.
C F: Ich möchte über die Gropius-Professur in Weimar, die mein Kollege Jos Weber aus Hamburg innehatte, und über die Gropius-Seminare sprechen. Das erste Gropius-Seminar war ja das erste große internationale Ereignis, das am Bauhaus Dessau durchgeführt wurde.
R K: Jos Weber war für mich ein Glücksfall. Er war ein umtriebiger Typ und er kannte alle möglichen Leute, die man für so eine Sache kennen kann. Ich hatte da keine Chance, ebenbürtig mitzuhalten. Als DDR-Bürger war mir die dafür notwendige Architektencrème aus den westlichen Ländern nicht bekannt. Ich konnte nur meine Möglichkeiten mit dem Bauhaus Dessau mit seinen Möglichkeiten zusammentun, und das hat phantastisch gepasst. Ich konnte auch meine Ideen aus der Stadtsoziologie einbringen, dass man den Wohnungsbau und die Stadtplanung sehr stark reformieren müsse. Da waren sich alle Fachleute einig. Wir haben versucht, durchaus mit Plattenbau-Vorproduktion nicht mit der schematischen Einseitigkeit, sondern kombiniert mit Mauerwerk oder was auch immer eine größere Vielfalt herzustellen, und zwar nicht nur theoretisch. Wir wollten das realisieren in Dessau. Das Schöne war, dass nach anfänglicher Skepsis Leute aus dem Baukombinat Halle, das ja für den gesamten Bezirk Halle zuständig war, mit zunehmender Dauer des Gropius-Seminars begeistert waren, also selber auch diese Herausforderung annahmen. Wir hatten die dann auf unserer Seite. Abgewürgt wurde es dann von politischer Seite, weil man Angst hatte, dass wir die Art und Weise einer baulichen Prägung und Entwicklung in der DDR in Frage stellen, wenn man das gezeigt hätte, bis hin zum Ökonomischen, dass das geht. Wir hatten ein Jahr mit dem Baukombinat zusammen gearbeitet, dann kam völlig überraschend vom Rat des Bezirks Halle und vom Bauministerium ein Brief, dass das nicht den Normen entspricht und wir das Projekt abbrechen müssen.
C F: Ihr Interesse an der Möglichkeit, mit internationaler Beteiligung zu operieren, lag ja nicht draußen, sondern drinnen. Sie wollten ja nicht das Bauhaus in der Welt propagieren, da war das eh schon, sondern Sie wollten mit dem Bauhaus in die DDR wirken. Die Politik hatte aber ein anderes Interesse, nämlich mit Hilfe des Bauhauses nach außen zu strahlen.
R K: Ja, das ist richtig. Das musste aber nicht zum Widerspruch führen. Wir wollten ja den Städtebau und die Architektur in der DDR mit dem Bauhaus verbessern und verändern. Etwas anderes hätte ich mir auch gar nicht vorstellen können. Gleichzeitig sollte es international wirken, weil es ja auch ein Objekt ist, anschaulich. Auch zu DDR-Zeiten kamen Leute, die nur den Bau sehen wollten. Dieser Aufgabe sind wir gerne nachgekommen und haben präsentiert, was wir an Geschichte präsentieren konnten, was viel mehr hätte sein können. Aber immerhin hatte sich seit den 1970er Jahren ein wissenschaftlich-kulturelles Zentrum entwickelt, eine Sammlung wurde aufgebaut. Um mein Anliegen zu stärken, sollte internationales Wissen ins Bauhaus geholt werden, um eben mit Hilfe der internationalen Autorität Druck auf die Politik auszuüben. Was nicht gelang, aber ein Versuch war es wert. Es wäre mir zu wenig gewesen, bloß das Gebäude zu präsentieren ohne inhaltliche Arbeit im Inneren zu betreiben. Ich bin ja Diplomingenieur für Gebietsplanung und Städtebau. Als Städtebauer ging es mir immer darum, etwas herzustellen, um zu zeigen, dass es geht und wie es ist, wenn es 1:1 dasteht, und man nicht nur darüber reden kann.
C F: Die in Ihrer Zeit noch in der DDR wirksame Intervention, wie man heute sagen würde, war die Zusammenarbeit mit dem Baukombinat Halle, und sie ist gescheitert. Wie kam es zu den Projekten Anfang der 1990er Jahre?
R K: Das zweite Gropius-Seminar sollte ja mit Dessau zu tun haben, mit Stadt und Umgebung. Wenn wir gleich mit Wohnungsbau und Architektur anfangen, dann klappt das nicht. Man braucht erst einmal ein anderes Umfeld oder politische Vorstellungen, um dann zum Wohnungs- und Städtebau zu kommen. Zwei Jahre im Voraus konnten wir nicht wissen, dass genau in der Woche, in der wir das zweite Gropius-Seminar durchführten, die Wende eingeleitet wird und in der Woche noch die Maueröffnung erfolgte. Das Thema ›Dessau und Umgebung‹ ist geblieben, aber die Prämissen für Veränderung waren natürlich auf einmal ganz andere, also die Möglichkeiten als auch die Gefahren. Wir haben damals schon gesehen, es war ja eine sehr kluge Truppe, die sich da auseinandergesetzt hat. Harald Bodenschatz war ein Vordenker.
Man hat also Anfang November 1989 geahnt, dass da eine Modernisierungswelle kommt. Und die wird alles wegspülen, was Identität, was geschichtlich Gewachsenes bis hin zur DDR hervorgebracht hat, und es gibt dann diese schnellen Schachteln, die da überall entstehen und die neuen Funktionen aufnehmen und das Alte, nicht mehr Gebrauchte wird verrotten oder verschwinden. Dem haben wir das Konzept »Industrielles Gartenreich« entgegengesetzt, womit gemeint war, dass speziell in dieser Region Dessau die Schicht der Moderne einschließlich Bauhaus und der Junkerswerke bis hin zu den chemischen Betrieben in Bitterfeld ganz wichtig ist, an die man zum Teil wieder anknüpfen könnte, aber auch, dass man sie einfach bewahrt als Schatz, als Erinnerung. Dann spielte auch die davor liegende Schicht des historischen Gartenreiches durchaus wieder eine größere Rolle in einer Entwicklung, die auch postindustriell genannt werden könnte, dass dann also vorindustrielle Entwicklungen eine größere Rolle spielen könnten – auch unter dem ökologischen Gesichtspunkt, denn die Elbaue und das Wasser in Mulde und Elbe waren total verseucht. dass also naturbezogene aber auch kulturell mit der Natur verbundene Dinge, also etwa das Wörlitzer Gartenreich eine Renaissance erleben könnten und dass sie uns für eine neue, nachindustrielle Entwicklung etwas geben könnten. Daher waren die Schichten vorindustrielle und industrielle Zeit wichtig, um richtige Schlussfolgerungen für die nachindustrielle Zeit zu ziehen. Das war auch so aus der Erfahrung der westdeutschen Kollegen, wo man sagt, da ist manches viel zu schnell abgewickelt worden ohne genügendes geschichtliches Verständnis oder Umweltverständnis. Und das sollte man nicht auf dem Gebiet der DDR so nachmachen. Man war durchaus selbstbewusst, dass man etwas besser machen könnte. Daraus ist ein Konzept geworden mit Projekten zwischen Dessau, Wittenberg und Bitterfeld, wo dann dieses Konzept auch in Objekten umgesetzt wurde. Und dazu gehörte unter anderem »Ferropolis«. Auch das Gasviertel in Dessau gehörte dazu und die Werkssiedlung in Zschornewitz, der Kulturpalast in Bitterfeld und so weiter. Der Glücksumstand war, dass es in Hannover die Expo 2000 gab und ich eingeladen war. Das Bauhaus war ja wieder was, und ich bin überall hin eingeladen worden. Und die Leute sind zu uns gekommen. Und da wollten sie wissen, was wir so machen und da habe ich von unserem Konzept »Industrielles Gartenreich« erzählt, und das fanden sie sehr interessant. Das war der Deutsche Werkbund, aber auch der Bund deutscher Architekten. Und dann meinten sie spontan, das könnte doch auch etwas für die Expo sein, denn es sollte ja eine ‚Umweltexpo‘ sein: »Mensch – Natur – Technik«. Und da wurde überlegt, dass wir eine Korrespondenzregion zur Expo 2000 werden. Und wir sind dann auch die einzige Korrespondenzregion geworden. Alle anderen wurden Korrespondenzstandorte mit einzelnen Sachen, wir dagegen waren ein ganzes Gebiet, ein komplexes Gebilde, also eine andere Qualität. Es war die riesige Chance, mit dieser Korrespondenzregion umzusetzen, was wir alleine als Bauhaus Dessau nicht so hingekriegt hätten. Die rot-grüne Landesregierung in Sachsen-Anhalt mit einer sehr couragierten Umweltministerin Heidrun Heidecke hat sich unheimlich dafür stark gemacht. Wir hatten eine sehr gute Zusammenarbeit mit der Landesregierung und mit dem Wirtschaftsministerium, mit Klaus Schucht, der vorher in der Treuhand für die Bergbaugebiete zuständig war. Er kannte Karl Ganser ganz gut, oder Ganser ihn und Ganser hat ihn dann, als er noch in der Treuhand war, zu uns gebracht. Wir haben dann zusammengesessen und uns über »Ferropolis« verständigt. Es war für die meisten undenkbar, dass man fünf solch völlig verrostete Bergbaugeräte erhält, dass das einen Sinn machen könnte. Ohne Ganser hätte ich Schucht wahrscheinlich nicht überzeugen können, aber mit ihm ging es und dann ist Klaus Schucht Wirtschaftsminister in Sachsen-Anhalt geworden und hat zusammen mit Heidrun Heidecke auch diesen Standort für die Expo 2000 getragen. Das hat alles glücklich zusammengepasst und es ist auch viel umgesetzt worden. Ich bin auch im Nachhinein noch richtig froh darüber. Eine Ausstellung zu machen, Bücher zu schreiben, das erwartet man vom Bauhaus, Ideen entwickeln auch, auch noch die Bauhausbauten sanieren, aber so etwa außergewöhnlich Neues, wo die meisten Leute skeptisch waren, das in einer relativ kurzen Zeit bis 2000 umzusetzen, das war durchaus ein Husarenstück. Ich glaube, in der Zeit ist am meisten vom Bauhaus ausgehend gebaut worden. Was mir von vornherein ein Anliegen war, was leider zu DDR-Zeiten nicht geklappt hat, was dann aber durchaus funktioniert hat zwischen 1990 und 2000.
C F: Das Bauhaus war also der Ausgangspunkt und der Standort für das Projekt »Industrielles Gartenreich«?
R K: Das Bauhaus hat das gesamte Konzept »Industrielles Gartenreich« entwickelt, ausgehend vom zweiten Gropius-Seminar. Das war eigentlich die Geburtsstunde, November 1989. Der Begriff »Industrielles Gartenreich« ist dort auch geprägt worden, ich glaube von Harald Bodenschatz. Von da an haben wir intensiv daran gearbeitet. So wie es für mich in der DDR-Zeit am Wichtigsten war, dass sich Architektur und Städtebau geändert hätten, so war es uns dann wichtig, dass man bei einem solchen Umbruch, wenn da eine Modernisierungswelle über diese Landschaft rollt, die Kultur dieser Landschaft aufrechterhält und aus dieser Kultur neue Kultur entwickelt und nicht einfach eine Beliebigkeit entstehen lässt. Da haben wir natürlich viel profitiert von der IBA Emscher Park. Wir sind nach der Wende sofort dorthin gefahren und zwischen Karl Ganser und mir ist dann eine Freundschaft entstanden, die die ganze Sache nochmals befördert hat. Es war uns klar: Es ist die Aufgabe dieser Zeit – auch als Beispiel, denn weltweit werden alte Industriegebiete umgekrempelt, die dann entweder gar nichts mehr sind oder noch etwas Schlechteres werden können als das, was sie einmal repräsentiert haben im industriellen Aufschwung. Wir haben das Projekt intellektuell entwickelt und weiter begleitet, aber dann die organisatorische und wirtschaftliche Verantwortung für das Bauen an die IBA Sachsen-Anhalt GmbH übertragen. Martin Stein ist dorthin gegangen. Und mit Karl Ganser hatte ich abgesprochen, dass er einen seiner Stellvertreter, Gert Selbmann, nach Dessau schickt. Er hat die GmbH geleitet. Wir hatten stets engen Kontakt, er hat uns geholfen, das umzusetzen, was wir uns ausgedacht hatten. Natürlich hat jeder den Ehrgeiz, noch ein paar eigene Ideen unterzubringen, aber zu 80 Prozent war es das, was wir vorbereitet hatten.
C F: Sie sprechen von »wir« und »uns«. Ich frage nach: Wer ist wir? Welche Personen haben wann was gemacht?
R K: Es war auf der einen Seite das Bauhaus Dessau. Da waren es Lutz Schöbe, Michael Siebenbrodt, Wolfgang Thöner und Folke Dietzsch. Das war schon eine sehr kompetente Gruppe. Und auf der anderen Seite waren es Leute, die ich aus Weimar mitgebracht habe, mit denen ich den Bereich Urbanistik gegründet hatte. Das waren Martin Stein, Holger Schmitz, Harald Kegler und von denen, die schon da waren, Rainer Weisbach und aus Berlin noch Dieter Bankert. Später kam noch Heike Brückner dazu, eine Landschaftsarchitektin aus Dresden, die sich sehr mit dem Industriellen Gartenreich identifiziert hat. Und noch etwas später haben Regina Sonnabend und Regina Bittner unser Team verstärkt. Das war das Team des »Industriellen Gartenreichs«.
C F: Ich könnte Sie ja als einen Dauerverbesserer bezeichnen, der auch in der DDR versucht hatte, bessere Lösungen durchzusetzen. In dem Spagat zwischen Nötigem und Möglichem scheint in dem Projekt »Industrielles Gartenreich« einiges gelungen zu sein. Inwiefern diese Projekte zum Neu-Aufleben einer Region beitragen, weiß ich nicht. Hat das geklappt?
R K: Hier in der Lausitz ist die Wirkung größer, weil man hier mit zehn Seen, die mit zwölf Kanälen verbunden sind, eine andere Dimension hat. Wenn hier etwas Neues hinzukommt, mit neuer Architektur wie die Biotürme, oder etwas anderem aus der industriellen Zeit Kommendes wie ein Ledigenwohnheim, das neu belebt werden kann, dann ist das vielleicht direkter erkennbar.
Bei »Ferropolis« hatten wir auch gedacht, dass es nicht nur eine Arena ist, in der ab und zu eine Veranstaltung stattfindet. Ferropolis, also ›Stadt aus Eisen‹ – da erwartet man ja, dass da ständig so etwas wie ein städtisches Leben stattfindet, dass man da ein Café in ein solches altes Gerät einbaut oder dass man einen Weg hat, auf dem man durch dieses Gerät laufen kann, so wie wir es in unserem ersten IBA-Projekt mit der F60 bei Lichterfeld geschafft haben. Das ist dort im Alltag noch nicht ganz so lebendig. Für Veranstaltungen ist es sehr gut besucht. Bei Zschornewitz wäre es anders ohne uns, dann hätte in dieser schönen Werkssiedlung jeder sein Häuschen kaufen können und jeder es nach seinem Geschmack umgemodelt. Mit Riesenaufwand und Energie haben wir das durchgesetzt, dass das jetzt so aussieht. Im Gasviertel in Dessau ist es ganz offensichtlich, dass durch unseren Einfluss die Stadt sehr gewonnen hat. Da sind schon Dinge zu erkennen, die positiv sind. Man kann das natürlich nicht so genau abschätzen. Aber wenn der See bei »Ferropolis« einmal fertig ist, dann werden die beiden Projekte sich gegenseitig verstärken. Ich denke, da waren unsere Anstrengungen nicht umsonst, und wenn es in dieser kurzen Zeit nicht passiert wäre, dann wäre es zu spät gewesen. Um die F60 vor dem Verschrotten zu retten, hatten wir nur drei Monate Zeit, um ein Konzept zu entwickeln und Leute davon zu überzeugen, dass es auch funktioniert. Zum Glück haben Politiker hier vor Ort in Lichterfeld und auch das Amt Kleine Elster mitgemacht.
Prof. Dr. Rolf Kuhn (1946–2024), Städtebauer, Stadtsoziologe, Direktor des Bauhaus Dessau 1987–94, 1994–98 Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau, Gründungsmitglied des bauhaus dessau e.v.