bauhausverein.de

»Die Ansätze, die es da gab, die waren ja gut«

Wolfgang Paul
im Gespräch mit Chup Friemert
25.1.2017 in Dessau

Prellerhaus Bauhaus Dessau
Prellerhaus Bauhaus Dessau. Blick in ein Gästezimmer im Bildungszentrum des Amtes für industrielle Formgestaltung, vermutlich Anfang der 1980er Jahre / Archiv bauhaus dessau e.v.

Chup Friemert | C F: Herr Paul, Sie sind gelernter Architekt, haben in Weimar studiert, beendeten ihr Studium 1965 und kamen dann nach Dessau?

Wolfgang Paul | W P: Erst war ich acht Jahre in Halle. Dann bin ich hierher und dann war ich immer hier bei der Stadt. Am Anfang hieß es »Entwurfsgruppe Städtebau«, dann »Büro des Stadtarchitekten« und dann war Schluss. Und dann hieß es, wie überall in Deutschland, Stadtplanung oder so was.

C F: Dann kennen Sie das konkrete Bauhaus vor Ort schon lange. Ich meine erst einmal den Bau. Als Mitarbeiter im Büro des Stadtarchitekten waren Sie eingebunden in seine Rekonstruktion. Wann hat das denn angefangen mit der Rekonstruktion?

W P: Bei uns in Dessau wurde eigentlich immer daran herum konstruiert. Es waren ja immer Wellen. Es gab doch ganz am Anfang mal einen Kulturminister, wo es dem Bauhaus gut ging. Da hatten die schon angefangen zu planen. Und dann kam das Plenum der Partei, dann mussten die alle weg und dann war Schluss. Und dann kam Honecker und dann durfte es wieder sein und dann ging es wieder von vorne los.

C F: Die Welle zum 60. Jahrestag des Bauhauses in den 1970er Jahren hat es dann mächtig geschafft.

W P: Ja. Der Baudirektor sprach mich an, auf der Straße haben wir uns getroffen: Du, komm mal her. Du machst jetzt das und kümmerst dich jetzt darum. So ging das los. 1976 haben wir gebaut. Wir haben das zusammengebastelt und dann auch hingekriegt. 1975 haben wir die Planung gemacht und das ging dann alles in einer Geschwindigkeit, die sich heute keiner mehr vorstellen kann. Wir haben im Februar die ersten Leitungen neu eingebracht für das Abwasser. Damit ging es los, und im November war es fertig. Also, da ging das in einem wahnsinnigen Tempo. Und alles wurde in Dessau produziert, mit den hiesigen Mitteln und Arbeitskräften. Das einzige, was wir nicht gekriegt haben, waren die Scheiben für das Treppenhaus. Die haben uns die Leute aus dem Westen auch nicht rechtzeitig gegeben, die haben uns monatelang warten lassen. Die Scheiben kamen erst nach der Einweihung. Da haben wir welche aus der ČSSR genommen, die waren etwas kleiner. Da mussten wir noch eine Sprosse zusätzlich einbauen. Ansonsten war alles hier hergestellt worden.

Wir haben am Abend vor der Einweihung das Gestühl in der Aula eingeschraubt. Wir hatten im Sommer den Fußboden herausgerissen und die Verschraubung der Stühle gefunden und danach haben wir die Stühle eingebaut. Die Stühle wurden in Naumburg gebaut in einem Betrieb, wo Inhaftierte gearbeitet haben. Die haben das gemacht. Also, wir haben im Februar 1976 die Abwässerung gebracht, dann die Dächer. Das ging eine ganze Weile ganz gut und dann haben die Bauleute gepfuscht und das Wasser kam durch. Das war die andere Seite der DDR. Wenn du nicht aufgepasst hast, kam das Wasser durch. Man musste im Prinzip immer aufpassen, dann funktionierte das auch. So lief das Ganze eigentlich ab. Das heutige und das frühere Bauen – da ist nichts ähnlich.

C F: Das ist die Rekonstruktion in kurzer Zeit, zwar mit Planung, aber mit wenig Bürokratie. Sie waren dann oft vor Ort und hatten die Bauleitung?

W P: Nein, wir hatten einen sehr guten Bauleiter, ich hieß »Leitung der denkmalpflegerischen Irgendwas« und hatte ein Zimmer im Bauhaus mit einer Zeichnerin.

C F: Sie waren Leiter der Denkmalpflege beim Stadtarchitekten.

W P: Nur ehrenamtlich.

C F: Aber am Bauhaus waren Sie der oberste Denkmalpfleger.

W P: Ja. Aber das wurde alles entschieden auf der Straße.

C F: Ein spannendes Leben. Als der Bau dann fertig und die Einweihungsfeier vorbei war, wurde das Bauhaus belebt: vom Bauministerium und vom Amt für industrielle Formgestaltung. Was hatte die Stadt damit zu tun?

W P: Die Stadt hatte mit dem Ganzen überhaupt nichts zu tun und blieb auch völlig davon unberührt. Ich war dann auch nicht mehr dort, die Sache war erledigt.

C F: Dessau war eine große Stadt mit 104.000 Einwohnern. Da denkt man doch, dass – wenn das Bauhaus wieder aufmacht –, das einen Einfluss auf das kulturelle Leben hat. 1986 kam Rolf Kuhn aus Weimar nach Dessau. Er hat mir erzählt, dass es Theateraufführungen gab, die Aufsehen erregt hätten.

W P: Das gab es schon. Man ging hin, guckte sich was an oder auch nicht. Aber das Bauhaus hat für die Stadt bis 1989 keine größere Rolle gespielt, die Institution war außerhalb.

C F: Alle erzählen, dass Ende 1989 viele Interessenten was mit dem Bauhaus zu tun haben wollten: Leute aus Berlin, Weimar, aus dem Westen. Erfolgreich war dann zunächst der Bauhaus Dessau Verein. Wie sind Sie zu dem Verein gekommen?

W P: 1989 rief, ich glaube es war Winkler, mich an: Machste mit? Es gab ja immer von der Hochschule Kolloquien und so was, man kannte sich. Ich wusste aber nichts Genaues. Und im Frühjahr 1990 war dann das erste Treffen von dem Verein in Berlin. Da traf man sich. Ich hab mir das angeguckt. Es hat mich nicht weiter beschäftigt.

C F:Die Zeit 1989 bis 1991 ums Bauhaus hier vor Ort war für Sie gar nicht so aufregend?

W P: Nee. Das hat man mitgemacht. Das lief mit.

C F: Die Aufregung in Berlin war wohl größer als hier in Dessau.

W P: Na ja. Ich sage immer, die Berliner wollten so was Großes erreichen und gekriegt haben sie fast gar nichts, weil sie eigentlich zu viel wollten. Wenn ich relativ wenig Puste hab, dann kann ich nicht so viel erreichen wollen.

C F: Was hat der Verein eingebracht in die Aktivitäten des Bauhauses, noch bevor die Stiftung gegründet war?

W P: Ich war damals im Bauhausverein, und dann war das zweite Treffen von Docomomo in Bratislava. Die sind nur alle drei Jahre. Und wir wohnten zu dritt: der Chef von dem Ganzen und ein Ungar und ich auf einem Zimmer. Und da kam die Frage: Wollt ihr nicht das dritte Treffen in Dessau machen? Ja, können wir machen. Und da bin ich zu Karl-Heinz Burmeister gegangen und dann haben wir uns mit Rolf Kuhn getroffen. Der hat das mitgemacht und das 3. Docomomo-Treffen hat dann in Dessau stattgefunden.

C F: Im November 1989 fand das zweite Gropius-Seminar statt, auf dem, so erzählte es mir Rolf Kuhn, sein Projekt »Industrielles Gartenreich« erfunden worden sei. Haben Sie an dem Seminar teilgenommen?

W P: Nein. Rolf Kuhn ging dann ja nach Cottbus in die Kohlegegenden. Das war gut für ihn und da hat er das Gartenreich gut gemacht. Das mit den Maschinen finde ich gut. Das ist interessant. Das wird genutzt. Das läuft und wird auch immer bespielt.

C F: Ich komme nochmals auf das Verhältnis der Stadt zum Bauhaus zurück. Sie haben sich ja nicht nur mit dem Bau und seiner Rekonstruktion beschäftigt, sondern auch mit dem historischen Bauhaus. Was wäre denn Ihre Vorstellung, was Bauhaus heute sein könnte oder machen sollte?

W P: Die Ansätze, die es da gab, die waren ja gut. Man hätte schon sagen müssen, Hochschule und Bauhaus sind eine Institution, und das haben Rolf Kuhn und andere nicht gewollt. Das hätte eins sein müssen. Nun stehen die beiden nebeneinander. Die haben sich ja bekriegt. Da war Prof. Strehl schon da, und da war ein Schild »Fachhochschule«, da haben sie ein L reingemacht, dann hieß das Flachhochschule. Die Leute im Bauhaus halten sich immer für etwas Besonderes. Das ist eigentlich das ganze Problem.

C F: Es hat ja jetzt grade eine Auseinandersetzung um das Bauhausmuseum mit der Stadt gegeben.

W P: Ja. Ich wollte damit nichts zu tun haben. Oswalt hat darum gekämpft, ein Museum an der Ecke zu bauen. Jetzt kommt das Museum dorthin, wo es vorher schon war. Das ist auch sinnvoll. Alles andere ist Quatsch.
Dann ging es um die Meisterhäuser. Da haben die an der Stelle, wo das Gropiushaus stand, ein Haus gebaut, da kann man nicht raus gucken. Das kann man doch nicht machen! Jedenfalls ist das alles unsinnig.


Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Paul (1940–2020), Architekt, langjährigen Leiter des Amtes für Stadtplanung und Denkmalschutz Dessau-Roßlau, Gründungsmitglied des bauhaus dessau e.v.

Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.